Oliver

 

Olivers Mutter erzählt ihre Geschichte:

 

Ich weiß gar nicht, was und wie ich anfangen soll. Es ist noch alles so frisch und einfach total unbegreifbar.

 

Ich erfuhr am 16. Januar das ich zum ersten Mal schwanger bin. Mein Mann und ich waren sehr, sehr glücklich. Es war immer alles ok und ich hatte eigentlich eine gute Schwangerschaft. Am 30. Juli war ich das letzte Mal beim Frauenarzt. Beim CTG alles war wie immer alles super.

 

 

 

Am 10. August hatte ich eine Vorstellung im Krankenhaus. Dann die erschlagende Nachricht: Sein Herz schlug nicht mehr. Alles stand still. Ein Schlag ins Gesicht und noch mehr. Ich wollte es nicht glauben, wollte einfach nur weglaufen. Ich schrie alle an und bat fünf Mal nochmal nach zu schauen.

 

Jedoch war alles zu spät. Die Wehen wurden eingeleitet. Ich bekam um 21 Uhr die erste Tablette, um Mitternacht dann zwei. Gegen 2:30 Uhr bekam ich Blutungen und wurde in den Kreissaal gefahren. Immer wieder bekam ich Tabletten und irgendwann ein Wehentropf.

 

 Die Zeit verging so schnell und zugleich viel zu langsam. Ich wollte einfach alles hinter mich bringen.

 

 

 

Am 12. August kam dann mein kleiner Sonnenschein namens Oliver auf die Welt. Ich bin leer und irgendwie mit ihm tot. Ich nahm ihn sofort zu mir. Er wurde danach in eine Schlagdecke gewickelt mit einer leider pinken Schleife, das war uns aber in dem Moment völlig egal. Er wurde gewogen und gemessen und es wurden Abdrücke seiner Hände und Füße gemacht. Danach bekam ich ihn wieder. Ich wollte ihn nicht mehr hergeben. Mein Mann konnte ihn nicht nehmen.

 

 Er hätte nur noch 6 Wochen gehabt. Mir gehen so viel Fragen durch den Kopf, so viel Vorwürfe. Die Geburt war auch nicht ohne. 25,5 Stunden lag ich in den Wehen und musste danach an der Scharmlippe genäht werden.

 

Danach habe ich auch so viel Blut verloren, dass ich in Ohnmacht gefallen bin und anschließend einen 45-minütigen Zitteranfall bekam und operiert werden musste.

 

Mein Mann war immer bei mir, von Anfang an. Er durfte bei mir bleiben. Wir bekamen ein Einzelzimmer mit zwei Betten. Allerdings waren wir 2 Tage im Kreissaal. Alle waren für uns da - Ärzte, Schwestern, eine Psychologin und eine Seelsorgerin. Wir bekamen zwei Herzen aus Stoff. Eines für Oliver, für den Sarg und eines für uns Eltern. Die Psychologin erzählte uns von Sternenfotografen und fragte, ob wir das auch möchten. Ich war zuerst geschockt. Der Gedanke daran, unser totes Kind fotografieren zu lassen - unmöglich. Aber als ich darüber nachdachte, dass es überhaupt sowas gibt, fasste ich den Mut und mein Mann organisierte alles.

 

 

 

Wir bereuen es nicht, uns tat das so gut. Wir bemerkten während der Aufnahmen, dass Olivers Nase und seine Ohren von mir waren und er die Haare von meinem Mann hatte. Wir bemerkten auch, dass er auch den Flaum meines Mannes hat. Während wir die Fotos machten, nahm mein Mann unseren Sohn dann doch zu sich. Ich war darüber sehr glücklich. Naja, so glücklich, wie man in diesem Moment halt sein kann.

 

 

Die Fotos sind so zauberhaft geworden und zugleich machen sie einen auch traurig. Jedoch würde ich sie nicht mehr missen wollen.

 

 

 

Am Donnerstag den 13. August bin ich entlassen worden. Der Gedanke, dass ich mich nun um die Beerdigung meines Babys kümmern sollte, brachte mich um. Mein Mann unterstütze mich bei allem und nahm mir viel ab. Am 26.August war dann die Beerdigung. Und es lief nicht alles glatt.

 

 

Wir wollten zuerst ein Kindergrab. Das gab es bei uns in der Nähe nur durch ein Pfarramt. Bei der Organisation des Grabes gab es immer wieder Komplikationen, obwohl alles sowieso schon so schlimm war.

 

 

Wir entschieden uns gegen einen Pfarrer, weil dieser uns verweigerte das Lied "Kleiner Engel" von „Staubkind“ abzuspielen. Aber dieser war so gekränkt das wir deshalb auch keine Kirche bekamen. Somit mussten wir uns dann mit einer Leichenhalle zufriedengeben. Aber es war trotzdem so schön wie möglich gestaltet nach all dem. Die freie Rednerin hat das alles sehr gut gemacht. Unsere Wünsche wurden nach vielem Hin und Her doch noch irgendwie berücksichtigt. Auch wenn wir kein Kindergrab bekamen, haben wir nun ein Einzelgrab, das kleiner ist als ein normales Grab.

 

 

Mein Mann hat nun allerdings starke Probleme in der Arbeit. Sie sind dort der Meinung, er hätte nach der Beerdigung wieder arbeiten gehen können. Er könne wieder in den Alltag starten und sich so ablenken. Sie schrieben ihm einen Brief, wegen einem Krankengespräch, welches einen Tag nach der Beerdigung stattfinden sollte. Gott sei Dank stand aber der Betriebsrat hinter ihm und verschob den Termin. Aber sowas unmenschliches... Es ist alles sowieso schon schwer genug für uns.

 

 

 

Ich komme mir immer noch so vor, als würde ich immer noch in einem bösen, bösen Alptraum stecken. Jeden Morgen fühle ich mich leer und muss erst mal weinen. Ich würde am liebsten weit, weit weglaufen. Man kann den Schmerz nicht beschreiben.

 

 

Ich bekam leider keine Abstill-Tabletten. Mir wurde gesagt, es sei kein Kind da, was daran nuckeln könnte und deshalb würde ich nicht viel Milch produzieren. Ich habe aber sehr viel Milch und muss aufpassen, dass ich keinen Milchstau bekomme. Und es fügt mir noch mehr Schmerzen hinzu, dass ich immer daran denke, dass ich nun eigentlich mein Baby stillen sollte, so wie ich es unbedingt gewollt hatte.

 

 

Mein Herz zerbricht, es gibt aber auch Momente, in denen ich wieder lächeln und sogar Lachen kann. Jedoch vermisse ich ihn so sehr.

 

 

 

Mein Mann hat mir ein Album gekauft, es heißt „Leuchte hell, kleiner Stern – das Sternenkind-Erinnerungsbuch“. Das hilft mir in manchen Situationen sehr. Wir haben auch eine Gedenkecke im Wohnzimmer eingerichtet mit Erinnerungen, Fotos und der Mose-Schale in der mein süßer Oliver im Krankenhaus lag. Ein DIN-A4-Bild hängt auch bei uns im Schlafzimmer.